
06 Umwelt
Zurück zu den Wurzeln
Reerdigung als ökologische Bestattungsalternative
Paradox, aber leider wahr: Während wir zu Lebzeiten versuchen, unseren ökologischen Fußabdruck zu minimieren, ist unser Abschied von dieser Erde oft ökologisch belastend. Krematorien verbrauchen enorme Energie und stoßen CO₂ aus. Lackierte Särge in Betonkapseln konservieren uns eher, als dass sie uns dem Kreislauf der Natur zurückgeben – bis zu 30 Jahre dauert die Verwesung in einem herkömmlichen Grab.
Umweltfreundliche Alternativen gewinnen an Bedeutung
Dementsprechend entwickelt die Bestattungsbranche zunehmend umweltfreundliche Lösungen. Eine davon ist die sogenannte Reerdigung. Hierbei wird der Körper in einem geschlossenen Kokon mit organischem Material wie Stroh und Pflanzenfasern eingebettet. Durch natürliche Prozesse wird er innerhalb von etwa vierzig Tagen zu fruchtbarer Erde umgewandelt.
Diese Transformation erfolgt ausschließlich durch mikroskopisch kleine Mikroorganismen – ohne zusätzliche Energiezufuhr, Verbrennung oder chemische Zusätze. Die Erde kann anschließend auf einem Friedhof beigesetzt werden.
Dass dieses Verfahren sicher und hygienisch einwandfrei ist, wurde im Januar 2024 forensisch durch das Institut für Rechtsmedizin der Universität Leipzig bestätigt. Im Vergleich zur energieintensiven Kremierung ist dies ein echter Durchbruch: Jede vermiedene Verbrennung spart etwa eine Tonne CO₂ ein.

In mehreren europäischen Ländern haben sich inzwischen gemeinnützige Initiativen und Stiftungen mit eindrücklichen Namen wie „Humo Sapiens“, „Werde Erde“ oder „Compostez-moi“ gegründet, die sich die Legalisierung der Reerdigung zum Ziel gesetzt haben.
Psychologische Brücke im Trauerprozess
Dieser kompakte Zeitrahmen bietet eine psychologische Brücke für den Trauerprozess. Statt des abstrakten, jahrzehntelangen Vergehens in der Tiefe ermöglicht die Reerdigung eine aktive Teilhabe am Rhythmus der Natur. Die rund 40 Tage bilden eine überschaubare, fast meditative Zeitspanne für das Loslassen, in der die Hinterbliebenen die Gewissheit haben, dass der geliebte Mensch Schritt für Schritt Teil eines lebendigen Kreislaufs wird.
Status in Deutschland und Europa
Während die Technologie in den USA bereits etabliert ist, befindet sie sich in Deutschland aufgrund der strengen Friedhofspflicht und landesspezifischer Gesetze noch in einer Pilotphase, die primär in Schleswig-Holstein praktiziert wird. In anderen Bundesländern wird noch debattiert, ob „Erde zu Erde“ mit der Würde des Verstorbenen vereinbar ist.
Reerdigung – natürliche Rückkehr
Ablauf: Der Körper wird in einem sogenannten Alvarium in einen biologisch abbaubaren Kokon aus Stroh, Heu und Blumen gelegt.
Mikroorganismen: Sauerstoff und Wasser aktivieren körpereigene Mikroben; die Temperatur steigt auf bis zu 70 °C.
Ergebnis: Nach etwa einem Monat entstehen rund 150 kg fruchtbarer Humus, einschließlich vermahlener Knochen.
