
07 Wissen
Gendermedizin
Warum Frauen oft durchs Raster fallen
Eine gute Nachricht vorab: Um die Forschung zur Gendermedizin auszubauen, stellte der Bund Anfang des Jahres 18 Millionen Euro bereit. Denn die schlechte Nachricht ist: Die Medizin orientiert sich bis heute, in Forschung, Diagnostik und Therapie, meist am männlichen Körper. Erst langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass Frauen häufig andere Risikofaktoren, Symptome und Krankheitsverläufe haben als Männer.
Männliche Körper die implizite Norm
Jahrzehntelang wurden Medikamente überwiegend an Männern getestet, klinische Studien vor allem mit männlichen Probanden durchgeführt und medizinische Lehrbücher am „Durchschnittsmann“ ausgerichtet. Der männliche Körper galt als Norm, der weibliche Körper häufig als Abweichung davon.

Atypische Symptome verzögern oft die Diagnose
Die Folgen zeigen sich bis heute im Alltag von Patientinnen. Besonders deutlich wird das bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Während Männer bei einem Herzinfarkt oft unter starken Brustschmerzen leiden, klagen Frauen häufiger über Übelkeit, Atemnot, Rückenschmerzen oder extreme Erschöpfung. Weil diese Symptome lange nicht als typisch galten, werden Herzinfarkte bei Frauen häufiger zu spät erkannt. Die Schlaganfallprävention setzt mittlerweile ebenfalls auf geschlechterspezifische Ansätze: Im Gegensatz zu Männern zeigen Frauen oft atypische Symptome, die zur Verzögerung von Diagnose und Behandlung führen können.
Auch Medikamente wirken nicht bei allen Menschen gleich. Körperfettanteil, Stoffwechsel, Hormonhaushalt und Organfunktionen beeinflussen, wie Arzneimittel aufgenommen und verarbeitet werden. Trotzdem basierten Dosierungsempfehlungen lange auf Daten männlicher Testpersonen. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede in Wirkung und Nebenwirkung – vom Beta-Blocker über Schlafmedikation bis hin zur Krebstherapie.

Krankheiten zeigen sich je nach Geschlecht unterschiedlich. Wer das ignoriert, riskiert Fehl- oder Spätdiagnosen.
Gendermedizin soll verbindlich in der Ausbildung verankert werden
Die Idee einer „One-size-fits-all“-Medizin gerät glücklicherweise zunehmend ins Wanken: Viele Universitäten haben Gendermedizin bereits in ihre Curricula integriert, Forschungseinrichtungen werten Daten differenzierter aus und auch in der medizinischen Praxis wächst das Bewusstsein für geschlechtsspezifische Unterschiede.
Inzwischen erkennt auch die Politik den Handlungsbedarf. Die zusätzlichen Fördergelder des Bundes sollen helfen, strukturelle Forschungslücken zu schließen, Versorgung und Aufklärung zu verbessern und Therapien präziser zu machen.
Am Ende geht es um eine Medizin, die genauer hinsieht und anerkennt, dass Menschen unterschiedlich krank werden, unterschiedliche Risiken tragen und nicht immer gleich behandelt werden können.
