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04 Wohlbefinden

Das Faszien-Korsett – der heimliche Chef im Rumpf

Betritt man das Fitnessstudio, den Yogakurs oder eine Physiotherapie-Praxis stolpert man heutzutage fast unweigerlich über Begriffe wie „Verklebungen“ oder „myofasziales Training“ und die dazugehörige Faszienrolle. Was lange Zeit als bloßes „Füllmaterial“ abgetan wurde, entpuppt sich heute als wichtiger Akteur für unser Wohlbefinden: die Faszien. Besonders wenn es um einen stabilen Rumpf geht, spielen sie die heimliche Hauptrolle.

Das innere Netzwerk

Die alte Sichtweise war simpel: Faszien sind passives Verpackungsmaterial. Sie halten die Organe an Ort und Stelle und sorgen dafür, dass die Muskeln beim Gleiten nicht aneinanderreiben. Das tun sie auch – aber das ist, als würde man sagen, ein Smartphone sei nur zum Telefonieren da. Denn die dünnen, aber robusten Bindegewebsstrukturen können weitaus mehr: Sie umhüllen Muskeln, Organe, Knochen und sogar Nerven wie ein hauchdünnes, aber extrem reißfestes Netz und verbinden sie miteinander.

Und vor allem: Sie sind dicht besiedelt mit Nervenenden, die Informationen über Spannung, Druck und vor allem Schmerzen an das Gehirn weiterleiten. Viele unspezifische Rückenschmerzen, die früher als muskulär abgetan wurden, werden heute direkt mit veränderten, gereizten oder verletzten Faszien in Verbindung gebracht, insbesondere mit der großen Faszienplatte im unteren Rücken, der Thorakolumbalfaszie.

Verklebte Faszien

Gesunde Faszien sind elastisch, gut durchfeuchtet und anpassungsfähig. Bei federnden Bewegungen speichern sie Energie und geben sie im nächsten Moment wieder frei. Wenn wir uns morgens steif aus dem Bett quälen, liegt es oft daran, dass das zähe Netzwerk über Nacht leicht verklebt. Statt geschmeidig aneinander vorbeizugleiten, haften die verschiedenen Faszienschichten aneinander. Dies geschieht durch Bewegungsmangel, Stress oder Verletzungen. Sobald wir uns nach dem Aufstehen strecken, bewegen oder sanft durchkneten, ölt sich das System quasi selbst, und die Steifheit lässt nach.

Core-Training

Mittlerweile wissen wir: Was unseren Rumpf, unseren „Core“, wirklich zu einer stabilen, aber gleichzeitig flexiblen Einheit macht, ist das Zusammenspiel von Muskeln und Faszien. Die tiefen Bauchmuskeln spannen sich an, ziehen die Faszienplatte im Rücken straff. Die tiefen Bauchmuskeln erzeugen zwar die Kraft, aber die Faszien sind das Material, das diese Kraft aufnimmt, verteilt und wie ein inneres Korsett in Form hält.

Ein „schwacher Core“ ist also oft gar kein Problem reiner Muskelschwäche, sondern ein Problem des Zusammenspiels. Ist das Gewebe verklebt oder zu steif, kann die Spannung nicht effektiv aufgebaut werden. Ist es zu schlaff, verpufft die Muskelkraft. Ein starker Core ist dagegen immer auch ein gut integrierter myofaszialer Kern.

Faszienrolle rückwärts

Die berühmte Faszienrolle ist sicherlich ein gutes Werkzeug, aber sie ist nur ein Puzzleteil. Durch den langsamen, gezielten Druck wird die zähe Grundsubstanz im Gewebe angeregt. Das löst Verklebungen und macht das Gewebe wieder gleitfähiger. Aber dies ist sozusagen nur die Wartung, das eigentliche Training, das die Faszien resilient und stark macht, ist die Bewegung selbst – und zwar federnd, dehnend und achtsam.

Besonders Yoga- oder Pilates-Übungen sind daher äußerst effektiv. Aber auch alle Stabilisierungsübungen mit und ohne Widerstand, wie zum Beispiel Planks, sind überaus faszienfreundlich.

Faszien-Pflege –
Dos and Dont’s

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  • Abwechslung: durch vielfältige Reize wie Strecken, Rotieren oder sanftes Federn.

  • Wasser: Faszien bestehen zu rund 70 % aus Wasser.

  • Dehnung und Entspannung: Langsames Dehnen und bewusste Entspannung lösen Verklebungen.

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  • Monotonie: langes Sitzen oder zu einseitiges Training.

  • Dehydration: Wer zu wenig trinkt, dessen Faszien „kleben“ schneller.

  • Stress: Unter chronischem Stress können sich Faszien unter Schutzspannung verhärten.